Inside Langstrecken-Streit Nürburgring (1/3): Beteiligte und ihre Ziele

Inside Langstrecken-Streit Nürburgring (1/3): Beteiligte und ihre Ziele

– Wer dachte, die Gemengelage rund um NLS und NES sei kompliziert gewesen, wurde in der vergangenen Woche eines Besseren belehrt: Die Bombe, die der ADAC Nordrhein am 27. Juli 2026 hochgehen ließ, war im Vergleich zur NES wie eine Atombombe gegen eine Handgranate. Und es ist nochmals komplizierter. Den Nahostkonflikt zu erklären, wäre vermutlich einfacher. Wir versuchen es dennoch.

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Titel-Bild zur News: Die Zukunft des Langstreckensports steht wieder einmal in den Sternen

Der Einsatz ist höher denn je. Die Zukunft des Motorsports auf der Nürburgring-Nordschleife steht auf dem Spiel – inklusive des 24-Stunden-Rennens. Und es ist völlig offen, wie diese Nummer ausgehen wird. Sicher ist nur: Der Sport wird wieder leiden.

In die Situation sind verschiedene Spieler involviert, die jeweils eigene Interessen verfolgen. Bevor wir überhaupt erklären können, was vor sich gegangen ist, stellen wir hier die Beteiligten und ihre Positionen vor. Und selbst das ist noch vereinfacht.

1. VLN und NLS

Die Organisationsstruktur der VLN geht auf die deutsche Vereinskultur in den 1970er-Jahren zurück. Sie wurde in den vergangenen 15 Jahren mehrfach reformiert, blieb im Kern aber bei ihrer Grundstruktur.

Die VLN Sport GmbH & Co KG besteht aus acht Gesellschaftern: ADAC Westfalen e.V., MSC Sinzig e.V. im ADAC Mittelrhein, MSC Adenau e.V. im ADAC Mittelrhein, MSC Ruhrblitz Bochum e.V. im ADAC Westfalen, Dortmunder Motorsport Club e.V. im ADAC Westfalen, Automobilclub Altkreis-Schwelm (ACAS) e.V. im ADAC Westfalen, Renngemeinschaft (RG) Düren im ADAC Nordrhein und MSC Münster e.V. im DMV.

Alle diese Vereine halten jeweils 12,5 Prozent an der VLN Sport. Düren war bis Ende 2025 noch ein DMV-Verein, ist aber zum 1. Januar 2026 in den ADAC Nordrhein gewechselt. Normalerweise veranstalten alle Clubs ein NLS-Rennen, aktuell aber sind Düren und Münster, also die beiden (Ex-) DMV-Vereine, ohne eigenes Rennen. Stattdessen organisieren mehrere Clubs in Kooperation weitere Rennen.

Zusätzlich gibt es neben der VLN Sport GmbH & Co. KG noch die Vermarktungsgesellschaft VLN VV GmbH & Co. KG. Diese war ursprünglich von der VLN und dem Nürburgring-Besitzer NR Holding gemeinschaftlich gegründet worden. Im Zuge der Auseinandersetzungen im ersten Streit um die Zukunft des Langstreckensports am Nürburgring im Jahr 2023 stieg der Nürburgring jedoch aus, seitdem ist die VLN Sport alleiniger Gesellschafter an der VLN VV.

Die von der VLN organisierte NLS hingegen will weiter für das stehen, was sie seit nun fast 50 Jahren ist: bodenständiger Breitensport mit professioneller Beimischung, sympathisch, volksnah und vielleicht nicht immer perfekt – aber eben auf eine charmante Art und Weise.

Chef der VLN Sport ist seit Ende 2022 Mike Jäger, der lange Zeit selbst als Fahrer aktiv war. Seit er das Ruder in einem kontroversen Wechsel Ende 2022 übernommen hat, trieb er eine rigorose Kundenfreundlichkeits-Offensive voran. Seitdem hat die NLS einen Abwärtstrend bei den Starterzahlen stoppen können.

2. Der ADAC und seine Regionalvereine

Der größte Player im deutschen Motorsport ist unangefochten der ADAC. Dieser ist jedoch kein Monolith. Zunächst einmal ist da der “Haupt-ADAC” mit seiner Zentrale in München. Dieser veranstaltet unter anderem die DTM, das ADAC GT Masters und diverse Kart- und Motocross-Serien. Am Nürburgring spielt der Haupt-ADAC bislang kaum eine Rolle, außer dass er die DTM dort veranstaltet.

Aufgrund der föderalen Tradition in Deutschland ist der ADAC in 18 Regionalvereine unterteilt. Diese genießen weitreichende Freiheiten, insbesondere bei der Ausgestaltung des Motorsports. Das Ganze ging so weit, dass mehrere Regionalclubs 2019 gerichtlich gegen die Zentrale in München vorgingen, letztlich die Sache aber intern regelten. Es gilt: ADAC ist nicht gleich ADAC.

Die gute Nachricht: Für die Ereignisse am Nürburgring müssen wir nur drei Regionalvereine betrachten: Nordrhein, Mittelrhein und Westfalen.

2.1. ADAC Nordrhein: Die Macht des 24-Stunden-Rennens

Unter allen Regionalvereinen sticht gerade motorsportlich der ADAC Nordrhein heraus. Er umfasst bevölkerungsreiche Regionen wie das westliche Ruhrgebiet, Aachen sowie den Großraum Köln und ist von allen Regionalvereinen der mächtigste. Über drei Millionen Mitglieder, 20 eigene Center und 500 Mitarbeiter zeichnen das Schwergewicht aller Regionalvereine im ADAC aus.

Der ADAC Nordrhein ist zentraler Player am Nürburgring, denn er veranstaltet das 24-Stunden-Rennen. Er ist aber nicht direkt in der VLN involviert, sondern kooperiert mit ihr auf technischer Ebene. Außerdem zählen seit 2024 die von ihm veranstalteten 24h-Qualifiers zur NLS, was sich nach den jüngsten Ereignissen für 2027 aber erledigt haben dürfte.

So hat der ADAC Nordrhein die Hoheit über das sportliche Reglement der SP-Klassen und erstellt die Balance of Performance (BoP) in den größten Klassen. Im Gegenzug verwendet er beim 24-Stunden-Rennen das Reglement der seriennahen V-Klassen, über die die VLN die Hoheit besitzt.

Struktur und Verflechtungen im Langstreckensport am Nürburgring

Der ADAC Nordrhein glaubt seit langer Zeit, dass die Organisationsstruktur der VLN der sportlichen Realität am Ring schon lange nicht mehr gerecht wird. Zu viele wechselnde Ansprechpartner, zu viel Ehrenamt mit zu viel “Vereinsmeierei” bei acht Gesellschaftern in der VLN Sport, die sich nicht immer einig sind, wenn nicht gerade eine Bedrohung von außen herrscht, statt professioneller Akteure.

Neben dem ehrenamtlichen Sportleiter Walter Hornung hält seit 2008 Mirco Hansen als hauptamtlicher Leiter Motorsport das Zepter in der Hand. Unter seiner Führung hat das Rennen zunächst den Wechsel auf GT3 als Topklasse vollzogen. Später kam unter anderem im Jahr 2016 Nitro als TV-Partner an Bord, ein Riesenrad im Fahrerlager wurde etabliert und das Feld wuchs insbesondere in den Topklassen an. Der Verstappen-Deal geht weitgehend auf sein Konto.

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2.2. ADAC Westfalen und ADAC Mittelrhein

Der ADAC Westfalen ist mit 1,6 Millionen Mitgliedern zwar kleiner als Nordrhein, gehört aber zu den fünf großen Playern innerhalb des ADAC. Zu seinem Einzugsbereich zählen das östliche Ruhrgebiet (die Grenze zu Nordrhein liegt zwischen Essen und Bochum) und die großen Städte Westfalens. Vertreten wird er in der VLN Sport durch Jürgen Hieke.

Wer genau aufgepasst hat, wird festgestellt haben, dass der ADAC Westfalen innerhalb der VLN direkt engagiert ist. Das ist eine Sonderstellung, da es sich sonst ausschließlich um Ortsclubs handelt. Er veranstaltet die Westfalenfahrt, den traditionellen Auftakt zur NLS, der hin und wieder wegen Schneefalls abgesagt werden muss.

Außerdem sitzen drei Ortsclubs (Bochum, Dortmund und Schwelm) mit in der VLN Sport, die im ADAC Westfalen engagiert sind. Sie genießen innerhalb der VLN Sport Autonomie, würden sich im Falle eines Falles aber hinter den ADAC Westfalen stellen.

Der ADAC Mittelrhein ist mit 800.000 Mitgliedern etwas kleiner, hat jedoch zwei große Veranstaltungen am Nürburgring: den Truck-Grand-Prix und die GT-World-Challenge Europe. Außerdem ist er Mitgesellschafter am Fahrsicherheitszentrum am Nürburgring.

Anders als Westfalen ist der ADAC Mittelrhein nicht direkt in der VLN vertreten. Es gibt zwei Ortsclubs (Adenau und Sinzig), die im ADAC Mittelrhein engagiert sind. Sie stimmen sich mit dem ADAC Mittelrhein ab. Der Vorsitzende Rudi Speich gilt als einflussreich im Motorsport. Sein Ingenieurbüro kümmert sich um die Technische Abnahme der Boliden.

Es ist bekannt, dass es zwischen dem ADAC Westfalen/Mittelrhein und dem ADAC Nordrhein in der Vergangenheit bereits zu Unstimmigkeiten gekommen sein soll.

3. Der Nürburgring

Ohne den Nürburgring würde natürlich gar nichts laufen. Lange im Besitz des Landes Rheinland-Pfalz, geriet die Eifelrennstrecke im Zuge des höchstumstrittenen Projekts Nürburgring 2009, das einen politischen Skandal auslöste, in wirtschaftliche Schieflage. Ab 2010 folgten düstere Jahre, in denen die Strecke insolvent ging und an einen nicht zahlungsfähigen Käufer verscherbelt wurde – sehr zum Ärger vieler Motorsportler.

Letztlich übernahm im Jahr 2014 der russische Pharmaunternehmer Wiktor Charitonin den Nürburgring. Seitdem ist der “Ring” in der Hand der NR Holding. Bis heute ist allerdings nicht endgültig rechtlich geklärt, ob der erste Verkauf des Nürburgrings 2012 rechtens war. Auch darüber laufen Gerichtsverfahren in Brüssel.

Obwohl es seitens der Motorsportler heftige Vorbedenken gab, ist der Streckenbetreiber in der Region hochangesehen. Unter Führung der NR Holding gelang es, die Faszination Nordschleife stark zu internationalisieren, wovon letztlich auch die Region profitiert (wenn auch mit Nebenwirkungen durch das Verhalten mancher ausländischer Gäste). Von Pensionsbesitzern hört man viel Positives über die NR Holding.

Nürburgring, Logo

Der NR Holding ist die Vormachtstellung des ADAC und insbesondere des Nordrhein bei den Veranstaltungen ein Dorn im Auge. Dennoch saß sie einem Irrtum auf, indem sie zunächst den ADAC als ein großes Ganzes begriff. Im Jahr 2023 verspielte die NR Holding einige der gewonnenen Sympathien, als sie gemeinsam mit dem AvD den ersten Machtkampf am Nürburgring vom Zaun brach.

Sowohl die Entmachtung der VLN Sport als auch die Etablierung der NES misslangen. Stattdessen handelte sich die NR Holding einen Rechtsstreit mit der VLN ein, der bis heute andauert. Kurz erklärt: Die NR Holding veröffentlichte im Sommer 2023 ein Statement, der NLS keine Termine mehr auf der Strecke zur Verfügung zu stellen. Die NLS wurde quasi aus ihrer Hausstrecke rausgeworfen.

Die VLN reichte Klage ein und berief sich auf das sogenannte Nürburgring-Gesetz. Dieses wurde von der rheinland-pfälzischen Landesregierung hastig im Jahr 2013 erstellt, um den Nürburgring mit all seinen Negativschlagzeilen der Jahre zuvor aus den Medien zu kriegen und die Strecke verkaufen zu können. Darin wurde klar festgelegt, dass der Nürburgring-Eigentümer Termine diskriminierungsfrei vergeben muss.

In einem erstinstanzlichen Eilurteil wurde die Strecke als “Essential Facility” eingestuft. Im Jahr 2025 wurde dieses Urteil im Hauptverfahren bestätigt. Damit wurde die Nordschleife kritischer Infrastruktur wie dem Stromnetz und der Eisenbahninfrastruktur gleichgesetzt. Das Urteil war eine Katastrophe für die NR Holding, da es den Marktwert des Rings negativ beeinträchtigt.

Mittlerweile arbeiten die NLS und der Nürburgring wieder zusammen, stehen sich aber weiter vor Gericht gegenüber. Der Nürburgring will unbedingt die “Essential Facility”-Klausel loswerden, profitiert als Streckenvermieter aber von der NLS über Einnahmen durch die Parkgebühr und die Streckenmiete.

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Es gäbe noch weitere Player, auf die wir allerdings verzichten, um die Komplexität nicht zu groß werden zu lassen. Wichtig ist: ADAC ist nicht gleich ADAC, der Nürburgring will sein Gerichtsverfahren loswerden und die VLN weiterhin die NLS ausrichten, wie sie es seit fast 50 Jahren tut.

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