Valentino-Rossi-Interview: "Mache weiter, solange ich konkurrenzfähig bin"

Valentino-Rossi-Interview: "Mache weiter, solange ich konkurrenzfähig bin"

– MotoGP-Legende Valentino Rossi fährt mittlerweile im fünften Jahr GT-Rennen für BMW. Für die aktuelle Saison 2026 ist Rossi aus der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) in die GT-World-Challenge in Europa zurückgekehrt. Dort tritt er gemeinsam mit Max Hesse bei allen Rennen des Sprint-Cup an. Außerdem fährt er gemeinsam mit Hesse und Dan Harper alle Rennen des Endurance-Cup (GTWC-Kalender 2026).

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Titel-Bild zur News: Valentino Rossi mit Freundin Francesca Sofia Novello

Im ausführlichen Video-Interview für Motorsport.com Italien, eine Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network, spricht Rossi darüber, warum er die GTWC der WEC vorzieht, was er bei den 24 Stunden von Le Mans gelernt hat, wie er einem möglichen künftigen Start bei den 24 Stunden auf dem Nürburgring gegenübersteht, was der Automobilrennsport vom Motorradrennsport lernen kann, ob er die von ihm gegründete VR46-Akademie in Zukunft auf den GT-Sport ausweiten möchte, und vieles mehr.

Frage: “Valentino, nach dem Test im LMDh-Auto von BMW haben sich alle gefragt, wann Sie damit in der Meisterschaft fahren würden. Welche Vorbereitungen sind nötig, um dieses Auto zu fahren?”

Valentino Rossi: “Das Hypercar hat mir wirklich sehr gut gefallen, denn es ist ein Auto, das den anderen in jeder Hinsicht deutlich überlegen ist. Es ist eher ein richtiger Rennwagen, was zum Teil an dem enormen Unterschied liegt, den die Reifen ausmachen. Sie sind viel leistungsstärker und es macht richtig Spaß, sie zu fahren.”

“Wir haben es versucht, Renneinsätze im Hypercar zu bekommen. Es gab auch Kontakte zu anderen Herstellern und einige Möglichkeiten, aber dieses Jahr hätte ich in der ELMS mit einem LMP2 fahren müssen, um mich richtig vorzubereiten.”

Valentino Rossi

“Letztendlich habe ich mich entschieden, bei BMW und dem Team WRT von Vincent Vosse zu bleiben. Ich fahre gerne Rennen mit diesem Team und fühle mich dort zu Hause. Vincent war der Erste, der an mich geglaubt hat, als ich mich entschied, ein GT-Fahrer zu werden. Ich betrachte sein Team als Familie.”

“Um ein Hypercar zu fahren, bräuchte man nichts Besonderes, abgesehen von ein paar Testfahrten. Ich habe mich im M Hybrid V8 sofort zu Hause gefühlt, auch wenn es schwierig ist, mein Niveau einzuschätzen. Vielleicht hätte ich ein gutes Niveau erreichen können.”

Frage: “Sie hätten auch im Simulator trainieren müssen, nicht wahr?”

Rossi: “Ja, Hypercar-Fahrer absolvieren vor jedem Rennen viel Simulatorarbeit, um sich richtig vorzubereiten. Ich habe es vor dem Test in Bahrain ausprobiert. Das ist ein weiterer erheblicher Aufwand, denn zwar gibt es in der WEC nur acht Rennen, aber hinter den Kulissen gibt es jede Menge zu tun.”

Frage: “Wäre es zu viel gewesen, zusätzlich zu Ihren GT3-Verpflichtungen noch ein Hypercar-Programm zu bestreiten?”

Rossi: “Eigentlich hätte ich mich dafür entscheiden können, zusätzlich zu den acht WEC-Rennen noch fünf GT-Rennen zu fahren. Aber bei BMW ist kein Platz, weil es dort so viele gute Fahrer gibt. Sie waren nicht interessiert, also hätte ich wechseln müssen. Dann wollte ich dieses Jahr in die GT-World-Challenge zurückkehren. Ich habe es vermisst, in dieser Meisterschaft zu fahren.”

Frage: “Gab es nicht auch Gerüchte über eine mögliche Teilnahme mit einem Hypercar in der Asian-Le-Mans-Series?”

Rossi: “Ich habe ein paar Angebote erhalten, aber ich möchte lieber die WEC mit dem Hypercar fahren. Außerdem findet die Asian-Le-Mans-Series zu einer Jahreszeit statt, in der ich normalerweise Urlaub mache und in die Berge zum Skifahren fahre. Da ist das 100-Kilometer-Rennen auf der Ranch. Kurz gesagt: Es ist eine Zeit zum Ausruhen.”

Frage: “Was haben Sie aus Ihren zwei Jahren in der WEC mitgenommen?”

Rossi: “Ich habe es versucht, weil es eine Weltmeisterschaft ist und es toll gewesen wäre, den Titel zu gewinnen. Es hat mir Spaß gemacht, und auch BMW hat das Programm gefallen. Ich habe mich sehr gefreut, zweimal bei den 24 Stunden von Le Mans an den Start zu gehen. Es ist ein wunderschönes und faszinierendes Rennen.”

Ahmad Al-Harthy, Valentino Rossi, Kelvin van der Linde

“Ich bin auf einigen fantastischen Strecken gefahren. Austin gehörte zu meinen Lieblingsstrecken auf dem Motorrad, und auch im Auto hat es mir dort gefallen, ebenso wie in Sao Paulo. Ich habe viele starke Fahrer kennengelernt, sowohl in der GT- als auch in der Hypercar-Klasse. Es war eine großartige Erfahrung.”

Frage: “Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, nur in Le Mans zu fahren, und zwar auf Einladung?”

Rossi: “Es ist ein sehr langes Rennen, da alles in allem einen Zehntagestrip erfordert. Es ist eine Herausforderung für echte Enthusiasten. 24-Stunden-Rennen sind lang. Letztendlich reicht es, nur eines pro Jahr zu fahren. Le Mans ist ein Old-School-Event mit der Pesage (öffentliche technische Abnahme; Anm. d. Red.), den Testfahrten und all den Aktivitäten abseits des Rennens, wie der Fahrerparade am Freitag.”

“Es geht in Le Mans also nicht nur um das Fahren auf der Strecke. Am Samstag, wenn das Rennen beginnt, ist man schon müde. Für mich, der mit Motorrädern aufgewachsen ist und an dreitägige Wochenenden gewöhnt war, war das hart. Vielleicht muss man dafür jünger sein.”

Frage: “Sie haben Ihren Vertrag mit BMW über den Winter verlängert. Wie verliefen die Verhandlungen?”

Rossi: “Der Dreijahresvertrag, den ich zuvor unterschrieben hatte, wäre Ende 2025 ausgelaufen. Den habe ich auf einer 2+1-Basis verlängert.”

Frage: “Jetzt sind Sie zurück in der GTWC, wo Sie angefangen haben …”

Rossi: “Ich habe meine Karriere in der GTWC begonnen, der Meisterschaft, die ich für die interessanteste hielt. Und ich hatte Recht, denn das Niveau ist extrem hoch. Ich habe die Chance, gegen die Profi-Fahrer anzutreten. Meine Teamkollegen sind ebenfalls Profi-Fahrer.”

Dan Harper, Max Hesse, Valentino Rossi

“Mein Ziel ist es, ein schneller GT3-Fahrer zu werden. Daher ist diese Meisterschaft hervorragend, denn man kann viel lernen und an technischen Besprechungen mit allen Profi-Fahrern teilnehmen, was mir wirklich Spaß macht.”

Frage: “Erwägen Sie, weitere Rennen in Ihren Kalender aufzunehmen?”

Rossi: “Es gibt 10 Rennen in der GTWC, aber es gibt auch die Intercontinental-GT-Challenge, die ich wirklich liebe und die auf atemberaubenden Rennstrecken wie Bathurst, Nürburgring, Suzuka und Indianapolis ausgetragen wird. Ich war im vergangenen Jahr in Indy und habe dort sogar zusammen mit Kelvin van der Linde und Charles Weerts das Rennen gewonnen. In diesem Jahr würde ich gerne in Japan fahren.”

Frage: “Und das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring?”

Rossi: “Das würde ich sehr gerne machen, vor allem jetzt, da auch Max Verstappen dabei war, was das Interesse der Leute wirklich geweckt hat. Ich habe schon eine Weile darüber nachgedacht, habe aber noch nie den richtigen Zeitpunkt gefunden, um es zu organisieren, da man das Permit mit zwei Vorbereitungsrennen erwerben muss. Das würde also drei zusätzliche Rennen im Jahr bedeuten, aber ich würde es sehr gerne machen.”

Frage: “In der Vergangenheit haben Sie gesagt, dass Sie nicht begeistert wären von der Vorstellung, ein GT4-Auto zu fahren …”

Rossi: “Ja, ich bevorzuge immer GT3-Fahrzeuge, aber Verstappen hat es ja auch gemacht. Die Organisatoren am Nürburgring haben wirklich gute Arbeit geleistet, indem sie die Möglichkeit geboten haben, zwei Rennen am selben Wochenende zu fahren.”

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Dan Harper, Max Hesse, Valentino Rossi

“Und dann haben mir alle gesagt, es sei sowieso besser, erst einmal ein paar Runden in einem GT4-Auto zu fahren. Ich kenne die Nordschleife sehr gut aus dem Simulator, weil ich sie dort unzählige Male umrundet habe, aber in der Realität habe ich erst drei Runden geschafft.”

Frage: “Mit welchem Auto sind Sie auf der Nordschleife gefahren?”

Rossi: “Immer mit Straßenautos, zuletzt ein BMW und vor einiger Zeit ein Lamborghini. Als ich in der Motorrad-Weltmeisterschaft fuhr, hatten wir mal ein Rennen auf dem Nürburgring. Das war 1997. Damals war ich zusammen mit meinem Vater Graziano in einem Porsche auf der Nordschleife unterwegs.”

Frage: “In diesem Jahr haben Sie in der GTWC zwei neue Teamkollegen, Max Hesse und Dan Harper, die beide jung und äußerst talentiert sind. Wie ist es, neue Teamkollegen zu haben, und was lernen Sie von ihnen?”

Rossi: “Im Laufe meiner Karriere hatte ich immer großartige Teamkollegen, sowohl als Menschen als auch als Fahrer. Es ist toll zu sehen, wie sie arbeiten, gemeinsam die Daten analysieren und um Rat fragen. Dabei entwickelt sich eine besondere Verbundenheit.”

“Ich freue mich sehr, mit Max und Dan Rennen zu fahren. Ich liebe es absolut, mit jungen Leuten zusammen zu sein. Das habe ich durch die VR46-Akademie gelernt. Man denkt weniger darüber nach, dass man älter ist. Das hält einen jung. Sie bringen gute Laune und Begeisterung mit. Das ist wichtig.”

Frage: “Wie ist die Atmosphäre im Fahrerlager nach fünf Jahren im GT-Sport? Unterscheidet sie sich vom Motorradrennsport?”

Rossi: “Sie ist großartig. Bei BMW gibt es eine tolle Gruppe starker und freundlicher Fahrer wie Farfus, Marciello, Klingmann, Weerts, Frijns, die Brüder van der Linde und so weiter. Das sind alles Leute, die ich vorher nicht persönlich kannte und mit denen ich mich wirklich gut verstehe. In diesem Umfeld sind die Fahrer offener und teilen gerne ihre Eindrücke, Ratschläge und Geheimnisse mit einem, während im Motorradrennsport jeder mehr auf sich selbst konzentriert ist.”

Frage: “Wir waren es gewohnt, dass Sie nach einem Sieg auf dem Motorrad ein paar lustige Aktionen gezeigt haben. Im GT-Sport hat man davon bisher noch nichts gesehen, nicht einmal in Misano, als Sie gewonnen haben. Dürfen wir eines Tages doch noch mit etwas rechnen?”

Rossi: “Leider ist die Motorradwelt in dieser Hinsicht lockerer. Als ich vor zwei Jahren in Misano gewann, hielt ich unter der Tribüne an, um zu feiern, und stieg aus dem Auto. Zurück in der Boxengasse sagte man mir, dass es sogar verboten sei, auch nur die Tür zu öffnen. Also musste ich mir etwas anderes überlegen. Das ist schade, denn die Leute mögen das. Ich finde, dass Autorennen hier dem Beispiel der Motorradrennen folgen sollten.”

Frage: “Interessanterweise haben Sie bisher nur im Sprint-Cup gewonnen. Jetzt ist es an der Zeit, das auch im Endurance-Cup zu versuchen, nicht wahr?”

Rossi: “Das stimmt. Tatsächlich habe ich es im Endurance-Cup der GTWC noch nicht auf das Podium geschafft. Bestenfalls bin ich Vierter oder Fünfter geworden. Die Sprint-Rennen ähneln eher den MotoGP-Rennen. In diesen kurzen Rennen fühle ich mich wohler, aber das nächste Ziel sind die Top 3 im Endurance-Cup.”

Frage: “Wie hat sich Ihr Trainingsprogramm im Vergleich zum Motorradrennsport verändert?”

Rossi: “Ich trainiere gerne, weil es mich entspannt und ich es brauche. Ich trainiere jeden Tag, seit ich 18 bin, und das mache ich immer noch. In unserer Familie stehen wir früh auf, bringen Giulietta in die Kita und dann gehe ich ins Fitnessstudio. Mein Training ähnelt dem, das ich für Motorräder gemacht habe, ist aber an den Autosport angepasst und darauf zugeschnitten.”

Valentino Rossi

“Wenn man Autorennen fährt, ist es wichtiger, die Nacken-, Schulter- und unteren Rückenmuskeln zu trainieren, um kräftig auf die Pedale drücken zu können. Auf einem Motorrad hingegen sind die Bauchmuskeln und die Unterarme wichtig. Daher sind die Übungen anders, aber ich mache sie jeden Tag.”

“Und dann gibt es noch das Ausdauertraining, das Laufen. Das ist mittlerweile weniger als zu meiner MotoGP-Zeit, aber immer noch wichtig, vor allem angesichts der hohen Temperaturen, die wir im Cockpit haben.”

Frage: “Haben Sie schon einmal über eine VR46-Akademie für den GT-Sport nachgedacht?”

Rossi: “Meine Jungs fragen mich oft danach, zum Beispiel Bezzecchi, ‘Pecco’ [Bagnaia] und Marini. Ich bin sogar schon mit Luca [Marini] Rennen gefahren, und er war sehr schnell. Ich gehe davon aus, dass auch sie es eines Tages schaffen werden.”

“Aber ich glaube nicht, dass es eine GT-Akademie geben wird, denn wir sind spezialisiert auf die Welt des Motorradrennsports, wo wir etwas bewirken können. Wir haben gerade erst vier weitere junge Fahrer in die Akademie aufgenommen. Es sind Jungs im Alter von 15 bis 16 Jahren, mit denen wir ganz vorne anfangen.”

Frage: “Vor ein paar Jahren haben Sie gesagt, Sie würden gerne noch weitere 10 Jahre Rennen fahren. Sehen Sie das heute immer noch so?”

Rossi: “Das weiß ich im Moment noch nicht. Ich habe beschlossen, nicht darüber nachzudenken! Ich habe Spaß und fühle mich gut. Ich liebe es einfach, Rennfahrer zu sein, zu trainieren und hin und wieder zu den Rennen zu reisen. In meinem Alter ist es zwar hart, aber ich merke, dass ich mich verbessere, ich immer ein bisschen stärker und schneller werde, und ich den Rückstand auf die Profi-Fahrer verkürze. Solange ich konkurrenzfähig bin, werde ich weitermachen.”

Frage: “Wenn Sie von zu Hause zu den Rennen reisen, wie verabschieden sich Ihre Töchter von ihrem Papa?”

Rossi: “Das kommt auf die Situation an. Manchmal sind sie sauer, und Giulietta, die älterer der beiden, ist dann traurig. Aber dann macht es ihr Spaß, mir beim Rennen zuzusehen. Sie erkennt ihren Papa an seinem Rennoverall, seinem Helm und seinem Auto. Also feuert sie mich vor dem Fernseher an.”

Frage: “Sie haben auch angefangen, mit Kimi Antonelli zu trainieren. Wie kommen Sie mit diesem großen Talent zurecht?”

Rossi: “Ich bin wirklich stolz und glücklich über das, was Kimi leistet. Ich habe ihn vor ein paar Jahren kennengelernt, als die Leute bereits von ihm als dem zukünftigen Champion sprachen und er noch im Kart saß. Wir trafen uns auf der Rennstrecke von Migliaro. Der Besitzer dieser Strecke hat immer sehr von ihm geschwärmt, auch weil er alle Rekorde gebrochen hatte. Deshalb wollte ich ihn unbedingt kennenlernen.”

Valentino Rossi, Kimi Antonelli

“Und jetzt trainieren wir zusammen. Zu sehen, wie er es in die Formel 1 geschafft hat und gewinnt, ist unglaublich. Wir alle in der VR46-Akademie drücken ihm die Daumen. Es ist wunderbar, dass endlich wieder ein italienischer Fahrer in der Formel 1 gewinnt. Ich weiß nicht, ob wir jemals jemanden hatten, der so stark war wie er. Vielleicht müssten wir dazu bis in die 1960er- oder 1970er-Jahre zurückgehen.”

Frage: “Kimis Vater hat ein GT-Team. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen?”

Rossi: “Das würde ich mir wünschen! Das wäre wirklich großartig. Ich spreche ihn hin und wieder darauf an, aber ich bin BMW-Fahrer und er ist Mercedes-Fahrer. Außerdem hat Toto Wolff ihm gesagt, er müsse erst vier WM-Titel gewinnen, so wie Verstappen (lacht; Anm. d. Red.). Aber ich würde wirklich gerne in Zukunft etwas gemeinsam auf die Beine stellen.”

Frage: “Am Ende der aktuellen Saison in der GTWC wären Sie glücklich, wenn…?”

Rossi: “Ich würde gerne noch einmal gewinnen. Vor allem aber möchte ich versuchen, im Endurance-Cup auf das Podium zu kommen.”

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