– Vincent Vosse ist einfach so: immer höflich und gesprächsbereit, dabei aber auch offen dafür, die heißesten und kontroversesten Themen zu diskutieren, und das stets auf die richtige Art und Weise. Vosse ist direkt, niemals banal und vor allem politisch korrekt, wie es die heutigen Vorschriften verlangen – Vorschriften, die den Insidern der GT-World-Challenge in Europa glücklicherweise noch keinen Maulkorb verpasst haben.
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Umso besser also, dass sich die wunderbare Gelegenheit ergab, mit dem WRT-Boss in Misano zu plaudern. Dort hat sein Team zwar mit Charles Weerts und Kelvin van der Linde im #32 BMW zwei Siege eingefahren, aber unter Gesamtumständen der Rennserie, die alles andere als positiv sind und an denen Vosse keinerlei Freude oder Zufriedenheit finden kann.
Es versteht sich von selbst, dass sich der Streitpunkt auf drei berüchtigten Wörter beschränkt: Balance of Performance. Es ist eine Warnung, zu der sich Vosse veranlasst sah, nachdem SRO-Boss Stephane Ratel Bedenken geäußert hatte, dass die GT3-Autos immer ausgefeilter und komplizierter zu handhaben seien, was von einem Rennwochenende zum nächsten zu ziemlich verwirrenden Überraschungen führen könne.
“Leider sind wir als Team WRT sehr enttäuscht über die Situation. Wir waren zu Saisonbeginn in Bathurst nicht in der Lage, um den Sieg mitzufahren, ebenso war es später in Le Castellet, und dasselbe passierte in Brands Hatch, Monza und Spa”, so Vosse in Misano im Interview mit ausgewählten Medien, darunter Motorsport.com Italien, eine Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network. Meisterschaftsorganisatoren warte.

“Die Ergebnisse in Misano ändern nichts an meiner Sicht auf die Situation, der wir im Zusammenhang mit der BoP in der GT-World-Challenge konfrontiert sind”, so Vosse, um zu erklären: “Nach Spa, dem Rennen zu Saisonmitte, haben wir um ein Treffen gebeten, um die Situation zu klären, aber wir haben keine Antwort erhalten”, so der WRT-Boss.
“Und was auch immer bei den nächsten fünf Rennen passiert, wird meine Meinung nicht ändern. Ich hoffe, dass sie hart daran arbeiten, eine gute Lösung zu finden. Nicht, weil wir gewinnen wollen oder ein besseres Auto als die anderen haben wollen, sondern weil ich ein Rennsportenthusiast bin und ein Team habe, das Tag und Nacht daran arbeitet, die besten Boxenstopps hinzulegen, die richtigen Strategien zu wählen und das Auto perfekt abzustimmen, um alles zusammenzubringen”, so Vosse.
Frage: “Vincent, haben Sie das Gefühl, dass Sie in dieser Saison nie auf Augenhöhe mit den anderen waren?”
Vincent Vosse: “Wir brauchen kein Auto, das drei Zehntelsekunden schneller ist als die anderen, um Rennen zu gewinnen. Das hat sich in der Vergangenheit bereits gezeigt und muss nicht noch einmal betont werden. Aber ich will nicht in Misano, Magny-Cours, auf dem Nürburgring oder bei irgendeinem anderen Rennen gewinnen, nur um das zu kompensieren, was in Spa passiert ist.”
“Ich möchte, dass das Thema angemessen diskutiert wird, denn wir dürfen nicht vergessen, dass WRT ohne SRO nicht das Team wäre, das es heute ist. Wir haben das zunächst intern untereinander besprochen, dann habe ich mich dazu entschieden, mich öffentlich zu diesem Thema zu äußern.”
“Die GT-World-Challenge ist eine Rennserie auf höchstem Niveau mit einer großartigen Besetzung an Fahrern, Autos, Teams und Herstellern. Es ist eine allumfassende Serie, die alles bietet. Mittlerweile aber ist es schwieriger geworden, hier zu gewinnen als in der Hypercar-Klasse der WEC.”
Frage: “War die 24 Stunden von Spa der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?”
Vosse: “Es ist ein generelles Problem. Es geht nicht nur um das, was in Spa passiert ist. An jedem Auto arbeiten zehn Ingenieure, und ich kann nicht akzeptieren, dass ein oder zwei Leute mit der BoP alles ruinieren.”
“Vor Spa haben wir im Mai zwei Testtage absolviert, aber offensichtlich waren sie völlig nutzlos. Wir haben also unsere Zeit verschwendet. Dann sind wir am Dienstag vor dem Rennen noch ein paar Runden gefahren. Es gab jede Menge Freie Trainings und Qualifyings, aber selbst da wurde nichts unternommen, um zu überprüfen, ob die Situation tatsächlich fair ist. Deshalb bin ich nicht zufrieden.”
An dieser Stelle hielt Vosse mit festem und entschlossenem Ton inne, um die Pressesprecherin von BMW M Motorsport anzusehen und zu fragen, ob alles in Ordnung sei, bevor er seinen Gedankengang fortsetzte. Nachdem er ein zustimmendes Nicken erhalten hatte, während wir gebannt zuhörten und zuschauten, fuhr er fort.
Vosse: “Ich sage es noch einmal: Ich liebe die SRO wirklich und habe größten Respekt vor ihr. Ich bin eng mit Stephane Ratel befreundet, einem großartigen Mann, der Herausragendes geleistet hat.”
“Aber wenn es ein Problem gibt, dann müssen wir darüber sprechen. Man kann keine immer professionellere Meisterschaft haben, ohne dass innerhalb der SRO aus technischer Sicht das gleiche Maß an Professionalität herrscht. Das müssen sie akzeptieren und sich darauf einstellen.”
Frage: “Glauben Sie noch an die SRO-Plattform?”
Vosse: “Im Moment nicht. Und gute Ergebnisse in den kommenden Rennen werden meine Meinung auch nicht ändern. Wir müssen das offen diskutieren, um die Situation zu verbessern, denn wir sind nicht zufrieden. Aber es gibt andere, die genauso denken.”

“Man muss sich doch nur anschauen, was anderswo passiert. Ich liebe den Motorsport und verfolge auch die DTM. Dort wird die BoP von derselben Gruppe von Leuten festgelegt wie hier. Und doch, schaut euch an, was am Norisring passiert ist.”
Frage: “Ein Wochenende, an dem eine einzige Marke dominiert hat …”
Vosse: “Aston Martin lag trotz des 10-Kilogramm-Ballasts stets an der Spitze. Porsche und BMW lagen außerhalb der Top 15 und ich glaube wirklich nicht, dass das an der Qualität der Fahrer oder Teams lag. Aston Martin hat Rennen 1 von der Pole aus gewonnen. Natürlich möchte ich Nicki Thiim, Comtoyou Racing und allen, die zu diesem Erfolg beigetragen haben, gratulieren.”
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“Am Samstagabend wurden ihnen 20 Kilogramm Erfolgsballast plus weitere 15 Kilogramm BoP auferlegt, während die Porsche, die normalerweise am Norisring gut abschneiden, 15 Kilogramm und die BMW 10 Kilogramm ausladen durften. Außerdem haben sie Aston Martin mit Leistungseinstellungen und Drosselklappen einen Strich durch die Rechnung gemacht.”
“Dennoch fuhr Thiim in Q2 erneut auf die Pole und gewann anschließend noch einmal. Wie lässt sich so etwas erklären? Meiner Meinung nach stimmt da etwas nicht ganz. Wenn mir das jemand erklären könnte, würde ich mich sehr freuen.”
Frage: “Das macht es schwierig, sich einen Reim darauf zu machen.”
Vosse: “Ja, aber ich glaube, selbst Thiim, Aston Martin und Comtoyou sind nicht glücklich darüber, auf diese Weise zu gewinnen. Wir sind alle Racer und wollen um den Erfolg kämpfen. Dank der SRO ist es uns in den vergangenen Jahren gelungen, in einigen Rennen die Nase vorn zu haben, obwohl wir nicht die Schnellsten waren.”
“Sie bringen uns bei, wie man das schafft, ohne der Beste zu sein, weil wir gar keine andere Wahl haben. Aber wir kämpfen gerne, und wenn man uns so weit nach hinten schickt, dass wir keine Chance haben, mit den anderen mitzuhalten, können wir nicht glücklich sein.”
Frage: “Von außen betrachtet scheint es, als funktioniere die BoP in der GTWC besser als in der WEC. Ist das so?”
Vosse: “Meiner Meinung nach kommt es darauf an, wie sie ausgearbeitet ist und was dahintersteckt. In der WEC gibt es konstruktive Diskussionen. Wenn es nicht funktioniert, ist das eben so, aber zumindest wird darüber gesprochen. Hier ist die Situation heute wie sie ist, und ich glaube nicht, dass sich das in wenigen Wochen lösen lässt. Das wird Zeit brauchen.”

“Aber ich weiß, wovon ich rede, und ich hoffe, dass diese Worte veröffentlicht werden, denn ich setze meinen Ruf aufs Spiel: BMW investiert viel Geld, um mit uns vier Autos in der GT-World-Challenge, sowohl im Endurance-Cup als auch im Sprint-Cup, und zwei Autos in der Intercontinental-GT-Challenge an den Start zu bringen. Da muss mehr Respekt her.”
Frage: “Werden Sie zu den 1.000 Kilometern von Suzuka fliegen?”
Vosse: “So wie die Dinge derzeit stehen, kann ich das noch nicht mit Sicherheit sagen. Die endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen, aber ich spreche für mich selbst und WRT, nicht für BMW. Ich kann aber hinzufügen, dass auch BMW mit der Situation nicht zufrieden ist.”
“Es wird Leute geben, die schnell denken, ich würde das sagen, um eine günstige BoP zu bekommen und in Suzuka zu gewinnen. Nein, daran habe ich überhaupt kein Interesse. Die können uns sogar 50 Kilogramm extra auferlegen. Das, was ich hier mache, ist eine allgemeine Feststellung.”
Frage: “Sie sind sicher nicht auf der Suche nach Geschenken …”
Vosse: “Absolut nicht, aber lasst uns eines im Auge behalten: Von 2010 bis 2014, das war die erste GT3-Ära. Von 2014 bis 2020, das war die zweite. Und von 2020 bis heute befinden wir uns in der dritten GT3-Ära. Wir müssen zwischen den einzelnen Ären unterscheiden.”
“Ich glaube, die SRO hat die unterschiedlichen Situationen und Ären sehr gut verstanden. In der ersten Ära war es hervorragend, in der zweiten gut, aber anspruchsvoller. Heute aber ist es viel komplexer, weil man mehr Ingenieure pro Auto braucht, um wettbewerbsfähig zu sein. Deshalb sage ich, dass das technische Team der SRO in Sachen Professionalität in die gleiche Richtung gehen muss.”
Frage: “Ratel hat die neuen GT3-Autos kritisiert. Glauben Sie, dass das Problem mit der Komplexität dieser Fahrzeuge zusammenhängt?”
Vosse: “Natürlich, das ist absolut so. Und deshalb müssen wir daran arbeiten. Aber ich zeige nicht mit dem Finger auf eine bestimmte Person, auch weil es bei der SRO nur einen Chef gibt. Ich bin mir sogar sicher, dass diese Person hart daran arbeitet. Aber wir müssen über diese Dinge sprechen und uns die Zeit nehmen, das ordentlich zu tun.”
“Nach der schrecklichen Situation in Spa hatten wir keine Gelegenheit, darüber zu sprechen, weil man sich auf den Norisring konzentrieren musste. Das finde ich nicht akzeptabel, nicht zuletzt, weil wir Energie, Zeit und Geld investieren. Bis heute ist nichts passiert.”
Frage: “Hat man Ihnen keine Erklärung dafür gegeben, warum ein Treffen nicht gewährt wurde?”
Vosse: “Nein, und genau das ist das Problem. Wenn es eine problematische Situation gibt, ein richtiges Chaos, und man es selber verursacht hat, dann ist es an einem selbst, das zu klären. Es ist nicht die Aufgabe der Person, die es ausbaden muss.”
Frage: “Sie haben vorhin andere Hersteller erwähnt, die sich beschwert haben. Können Sie uns sagen, welche das sind?”
Vosse: “Ehrlich gesagt ist es mir egal, wer das ist. Ich habe lediglich gesagt, dass wir nicht die Einzigen sind, die unzufrieden sind. Valentino [Rossi] zum Beispiel hat in Misano mit einer brillanten Runde die Pole erobert. Da dachten die Leute sofort, wir hätten nach Spa einen ‘Trostpreis’ bekommen.”
“Das ist nicht der Fall, und es ist auch nicht die Situation, in der ich gerne wäre. Ich hasse es, wenn so etwas passiert! Und ich werde dafür kämpfen, dass es nicht passiert, zumal ich mir das nicht ausgesucht habe.”
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